Interview Dieter Hermann

Dieter Hermann
Beirat palliative aargau
Geschäftsführer Hospiz Aargau

 

Wie kommt es, dass Sie sich mit Palliative Care auseinandersetzen?

Persönlich bin ich ein typischer Quereinsteiger in das grosse und spannende Tätigkeitsfeld der Palliative Care. Den selbstgestellten Sinnfragen des Lebens folgend kam ich vor 5 Jahren mit der Sterbebegleitung in Berührung und konnte bei Hospiz Aargau im Pool der Freiwilligen sowohl stationär als auch ambulant tiefe, wertvolle und prägende Erfahrungen rund um das Thema letzter Lebensabschnitt machen. Diese neue Bereich hat mich von Anfang an fasziniert, so dass ich nach einem guten Jahr nebenberuflicher Freiwilligenarbeit aus meinem „früheren Leben“ ausgestiegen bin und kurz darauf die Gesamtleitung von Hospiz Aargau mit seinen drei Standbeinen (Ambulant, Stationär, Trauerarbeit) übernehmen durfte. Schnell wurde deutlich, dass Hospize, welche in der Schweizer Gesundheitslandschaft nicht vorgesehen sind, einen schweren Stand haben und nicht nur um das wirtschaftliche Überleben, sondern auch um die Akzeptanz für die Themen Sterben – Tod – Trauer kämpfen müssen. Somit ergab es sich, dass ich den entschlackten Lebensrucksack nun mit einem breiten Spektrum an Palliative Care relevanten Aspekten auffüllen konnte und kann.

 

Sie gehören zum Netzwerk von palliative aargau. Wo können wir Sie einordnen?

Da es im Kanton Aargau nur ein Hospiz gibt und wir 10 der 14 angebotenen Betten der Spezialisierten Palliative Care betreiben, sind wir auch im palliativen Netzwerk ein inzwischen integrierter und wichtiger Partner und schliessen gezielt ein Lücke in der End of Life Phase. So sind wir mit dem stationären Angebot offizieller Kooperationspartner der meisten Aargauer Spitäler und Palliativstationen und arbeiten sehr eng mit den Spitex-Organisationen und auch hier gezielt mit den Palliative Spitex Kompetenzen zusammen. So finden die hochkomplexen, (in-)stabilen Pflegefälle, bei denen keine Akutspitalbedürftigkeit mehr besteht, in der letzten Lebensphase ein gesichertes und eng betreutes, auf Ganzheitlichkeit ausgerichtetes Lebensumfeld. Daneben entlasten wir mit dem ambulanten Hospizdienst die Menschen zu Hause und begleiten die Trauerphasen der Hinterbliebenen in speziell eingerichteten Trauertreffs und Trauer-Café.

Somit liegen mir alle Themen der Palliative Care sehr am Herzen und wirke gerne auch im Rahmen aktiver Gremiumsarbeit in verschiedenen Verbänden mit, damit die Versorgungsstrukturen auch für die Lebensbereiche, wo keine kurative Intervention mehr angesagt ist gestärkt und in der Öffentlichkeit bekannter gemacht werden.

 

Mit welchen Herausforderungen sind Sie bezüglich Palliative Care konfrontiert? 

Wie erwähnt, ist die Hospizarbeit in der Schweiz zum einen in der Gesellschaft zu wenig bekannt, da nach wie vor eine Tabuisierung der lebensendlichen Phasen besteht und man in unserer auf Hochglanz polierten, materiell ausgerichteten Leistungsgesellschaft den Kratzer im Lack, wenn man krank, behindert oder gar sterbend ist sehr gerne ausblendet. Diese Einstellung gilt es aufzuweichen und ohne philosophisch zu werden: Der Tod macht das Leben erst lebenswert. Neben der Öffentlichkeitsarbeit und unserem Betreuungsangebot, sowohl ambulant als auch stationär, ist die finanzielle Herausforderung allgegenwärtig. Hospiz aargau finanziert sich fast zur Hälfte durch Spenden und bekommt keinerlei kantonale oder nationale monetäre Unterstützung. Hier kämpfen wir an verschiedenen Fronten mit den Behörden, dass endlich die Spezialisierte Palliative Care eine leistungsgerechte Vergütung erfährt. Bisher agieren wir mit stumpfen Waffen, aber steter Tropfen höhlt den Stein und wir hoffen, irgendwann Gehör zu finden.

 

Das Sterben Betroffener – wie gehen Sie damit um?

Als Sterbebegleiter sehe ich es als ein Privileg an, den letzten Lebensabschnitt so nah und direkt begleiten zu dürfen. Ich habe es mit Menschen zu tun, welche angesichts der nahenden Endlichkeit einfach sich selbst sind, authentisch, ehrlich, ohne Rollenspiel. Das Schöne ist, dass die begleitenden An- und Zugehörigen in der Regel genauso offen und ohne Maske sind. Als begleitende „fremde“ Person werden wir nur angenommen und kommen nah an die Betroffenen heran, wenn auch wir unser rollenspezifisches Mäntelchen fallen lassen, uns in unserer ganzen Verletzlichkeit und Empathie dem Prozess hingeben; in der freien Marktwirtschaft kann einem das schnell zum Nachteil gereichen. Das wissen wir und schätzen diese Voraussetzungen und gehen mit maximalem Mitgefühl in eine Position des Beistehens, des Beileides, nie aber in das gefährliche Fahrwasser des Mitleides.

Durch die hohe Emotionalität, welche das Begleiten von Menschen in der letzten Lebensphase mit sich bringt, werfe ich einen anderen Blick auf das eigene Leben und konnte mein persönliches Wertesystem neu ausrichten, welches deutlich geerdeter und im Hier und Jetzt zu Hause ist.

 

Wie stellen Sie sich ihr eigenes Sterben vor? 

Aktuell hege ich die Hoffnung, dass ich als vermeintlich gesunder Mensch doch noch einige Tage habe, bevor der letzte Lebensabschnitt eingeläutet wird. Anders herum hat sich primär durch die sehr bewusste Auseinandersetzung mit dem Sterben und Tod ein spirituelles Weltbild für mich persönlich ergeben, welches sehr zuversichtlich stimmt und ich von mir behaupten kann, vorbereitet und parat zu sein. Schmerzlich ist das Wissen um die Trauer, welche ein Ableben bei den Hinterbliebenen hinterlässt.

Ich würde mir sehr wünschen, dass ich möglichst symptomfrei und bewusst dem Ende entgegensehen und leben darf. Das ich mein Umfeld einbinden kann und alle den Prozess mittragen und akzeptieren können.

 

Was sind Ihre Wünsche an Gesellschaft und Politik?

Ich merke bei all meinen Bemühungen um Aufklärung und Enttabuisierung der End of Life-Themen in der Öffentlichkeit, dass hier in vielen Bevölkerungsschichten eher das Weg- anstatt Hinschauen angesagt ist. In anderen Kulturkreisen ist auch das Lebensende wie selbstverständlich in die gegebenen Abläufe unseres irdischen Seins eingebunden und frei von Schrecken, Angst und auch Versagen (er/sie hat den Kampf gegen den Krebs verloren…). Dazu gesellt sich der Appell an die Medizin, nicht das technisch Mögliche sondern das menschlich Sinnvolle im Entscheidungsprozess für Therapien und weitere oder andere Schritte einzubeziehen. Suggestion von Hoffnung durch Anwendung hypermoderner Medizin und Chirurgie kann zu Lasten von Lebensqualität und Menschenwürde gehen und diese Gewichtungen sollten teilweise anders bemessen werden. Die Politik und Palliative Care; diese Auseinandersetzung würde den Rahmen eines einfachen Interviews sprengen, lediglich einige Gedanken seien hier erwähnt. Teilweise ist ein fundiertes Wissen vorhanden und auch eine hohe Willigkeit, der Palliative Care mehr Gehör und Gewicht zu verschaffen – in der Regel stehen hier rigide Gesetze und Verordnungen im Weg, welche sinnhaftes und flexibles Handeln erschweren oder unmöglich machen. Die Mühlen mahlen entsprechend langsam und häufig reicht eine Legislaturperiode nicht, um Markantes und im Fall der Palliative Care Sinnvolles nachhaltig zu verändern und zu verbessern. Dann heisst es nach 4 Jahren: Neues Spiel (Legislaturperiode), neues Glück (engagierte Politiker). Aus diesen Zeilen spricht eine gewisse persönliche Frustration eines Don Quichote der Palliative Care, der es allerdings nicht müde wird, erneut gegen die bürokratischen Windmühlen anzureiten.

 

Juni 2019